Der Verein Minergie feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Max Renggli, CEO der Renggli AG, war von den ersten Stunden an dabei. Er erinnert sich an die Anfänge, als Energieeffizienz etwas für «Ökofreaks» war und er eine ungewöhnliche Wette auf dem Bundesplatz gewann.

1998 wurde der Verein Minergie gegründet. Was ging damals in dir vor?

Die beiden Gründer von Minergie, Ruedi Kriesi und Heinz Übersax, kannte ich schon lange. Wir haben damals die Idee gemeinsam mit anderen vorangetrieben. Wir alle waren total überzeugt, dass ein gemeinsamer Standard für energieeffiziente Bauten sehr sinnvoll ist.

Haben sich deine Erwartungen von damals erfüllt?

Ja, sehr! Mit Minergie haben wir einen tollen Baustandard, welcher für Firmen wie für Private einen Mehrwert bringt. Für den Holzbau war Minergie von enormer Bedeutung, um die Vorteile von Holz beim energieeffizienten Bauen bekannt zu machen. Auch umgekehrt konnte der Holzbau die Marke Minergie stärken.

 

Max Renggli, CEO
Das Schöne an Minergie: Es bezieht sich nicht nur auf die Energieeffizienz, sondern auch auf den Komfort für die Bewohner. Max Renggli, CEO

Wie hat damals alles begonnen?

Es gab damals nur wenige, die an energieeffizienten Bauten arbeiteten oder überhaupt daran glaubten. 1994 haben Heinz Übersax und Ruedi Kriesi das Konzept der Minergie-Standards kreiert und auch gleich zwei Minergie-Häuser in Kölliken gebaut. Die Null-Heizenergiesiedlung in Wädenswil von 1988-1990 hat ihnen wichtige Grundlagen geliefert. Dazu kam 1991 die nationale Forschungsausstellung «Heureka». Dort wurde eine Kopie der Wädenswiler Null-Heizenergie-Siedlung gezeigt. Sie hatte bereits eine luftdichte Hülle, eine Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung und demonstrierte damit, was alles möglich war. 

Danach stiegen die Kantone Zürich und Bern ein – ebenfalls ein Meilenstein: Sie übernahmen 1997 die Marke Minergie und gründeten ein Jahr später den Verein Minergie. 

Der Holzbau hat einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung von Minergie geleistet. Dank des nachwachsenden Baustoffs und der präzisen Vorfabrikation ist er prädestiniert für eine energieeffiziente Bauweise. Was mir selber zudem am Herzen lag – und immer noch liegt: Es ging nicht um «Fertighäuser». Energieeffiziente Gebäude sollen auch mit ansprechender, zeitgemässer Architektur punkten. Das war übrigens der Grund, weshalb ich den Verein Architos gegründet habe. Er ist ein schweizweites Netzwerk von Profis auf allen Fachgebieten der Holzarchitektur.

Wie unterscheidet sich die typische Minergie-Bauherrschaft von früher und heute?

Früher waren wir Vorreiter auf diesem Gebiet, denen aus innerer Überzeugung die Umwelt wichtig war. Wir, die «Ökofreaks». Heute ist Minergie ein etablierter Standard für Normalbürger. Anders sollte man nicht bauen.

Welches waren die prägendsten Minergie-Bauten von Renggli?

Die erste Passivhaussiedlung an der Wigger in Nebikon war 1999 für mich ein erstes Highlight von energieeffizienten und vom Passivhaus Institut von Dr. Wolfang Feist zertifizierten Bauten. Mithilfe des europäischen Forschungsprojekts «Cerpheus» bauten wir die erste Passivhaussiedlung der Schweiz - sogenannte Nullenergie-Häuser.

Passivhaussiedlung Wigger in Nebikon
Passivhaussiedlung Wigger in Nebikon

Im Jahr 2000 stellten wir innerhalb von 24 Stunden ein Solarhaus auf dem Berner Bundesplatz auf – ich habe damals mit Gallus Cadonau gewettet, dass wir das schaffen. Die verrückte Wette haben wir gewonnen.

Renggli-Solarhaus mit Besuchern vor der Schweizerischen Nationalbank in Bern
Das Renggli-Solarhaus auf dem Bundesplatz – aufgestellt in weniger als 24 Stunden inkl. kompletter Inneneinrichtung.

2001 doppelten wir im Auftrag der Luzerner Pensionskasse nach und realisierten zusammen mit Lischer+Partner Architekten aus Luzern unsere zweite Passivhaussiedlung (im Minergie-P-Standard): die 9 Doppelfamilienhäuser «Senti» in Kriens.

Luftaufnahme Passivhaussiedlung «Senti» in Kriens mit neun Doppelfamilienhäusern
Unsere zweite Passivhaussiedlung «Senti» in Kriens für die Luzerner Pensionskasse

Über 46‘100 Gebäude hat Minergie zertifiziert. Welches ist dein Lieblings-Minergie-Gebäude und weshalb?

Schon bald wollten wir mehr als zweigeschossige Einfamilienhäuser in Holz realisieren. Das war aufgrund der damaligen Brandschutzvorschriften nicht einfach. Deshalb habe ich nach wie vor grosse Freude an unserem viergeschossigen Büro- und Wohngebäude in Sursee. Dieses gab Impulse für den mehrgeschossigen Holzbau schweizweit. Wir haben damals intensiv mit der Gebäudeversicherung, der Lignum (Holzwirtschaft Schweiz) und Reinhard Wiederkehr von der Makiol Wiederkehr AG zusammengearbeitet. Diese Forschungsergebnisse und Erfahrungen von realisierten Bauprojekten sind regelmässig in die Normen der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) eingeflossen.

 

Luftaufnahme des viergeschossigen Wohn- und Bürogebäude der Renggli AG in Sursee
Das erste viergeschossige Wohn- und Bürogebäude der Renggli AG

Seit Jahren bist du im Minergie-Vorstand. Was ist deine Motivation dazu?

Mir liegt die Nachhaltigkeit am Herzen. Den grössten Hebel haben wir bei der Mobilität und den Gebäuden, welche ca. 70% des Energieverbrauchs ausmachen. Daher interessieren mich energieeffiziente, ressourcenschonende Gebäude – mit guter, zeitgemässer Architektur!

Was ist dein persönliches Ziel, das du als Vorstandsmitglied von Minergie erreichen willst?

Das ist ganz klar eine Reduktion der Energieverschwendung. Unsere «Energie» sollten wir besser in Innovationen investieren. Oder in die Erneuerung des veralteten Schweizer Gebäudebestands: Da haben wir nämlich grosses Sparpotential im Energiebereich.

Wie sähe heute die Schweiz ohne Minergie aus?

Minergie hat das Bewusstsein mit dem Umgang von Energieeffizienz im Gebäudebereich bei den Planern und ausführenden Firmen stark geprägt und gestärkt. Minergie hat deshalb auch eine Vorreiterrolle bei den Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKen) eingenommen. 

Ohne Minergie gäbe es vielleicht mehr verschachtelte Gebäude, die enorm Energie benötigten. Die Strom- und Heizrechnungen für die Haushalte wären deutlich höher. In heissen Sommernächten würden wir überall laute Klimaanlagen hören… Ich bin froh, dass der Minergie-Standard den Schweizer Baustandard positiv beeinflusst hat.

Wo siehst du die Stärken von Minergie?

Minergie hat als Marke eine hohe Akzeptanz und ist mit Abstand das wichtigste Energielabel in der Schweiz. Das Schöne daran: Es bezieht sich nicht nur auf die Energieeffizienz, sondern auch auf den Komfort für die Bewohner.

Welche Schwächen siehst du?

Aufgrund der unterschiedlichen Gebäude und Gebäudekategorien, gibt es viele Merkblätter und Rahmenbedingungen, die man kennen muss, um mit Minergie bauen zu können. Deshalb setzen wir alles daran, dass der Minergie-Standard verständlich bleibt und mit vernünftigem Aufwand eine Zertifizierung möglich ist.

Was würdest du auf der Stelle ändern, wenn du alleine entscheiden könntest?

Ich würde für die kleine Schweiz nur einen Standard für Energieeffizienz zulassen! Damit könnten wir das grosse Angebot der vielen Labels reduzieren auf eines, das von allen Organisationen getragen wird. Für Planer und Umsetzer gäbe das mehr Sicherheit.

Wohin geht die Reise von Minergie in Zukunft?

2016 war ein wegweisendes Jahr: Wir haben den Verein reorganisiert, mit Experten die bestehenden Standards überarbeitet und auch noch zwei Produkte für die Bau- und Betriebsphase entwickelt. Jetzt geht es darum, Kontinuität zu schaffen. Ich bin der Meinung, dass wir unser Augenmerk vor allem auf die Qualität der Minergie-Gebäude legen müssen.

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