Erwachsene verlaufen sich immer, Kinder nie

World Wide Wood

Erwachsene verlaufen sich immer, Kinder nie

Markus Gabriel
Texter | 29.01.2026

Gewünscht war kein Museum, auch kein Indoor-Spielplatz. In St. Pölten sollte es ein «Raum der Möglichkeiten» werden für Kinder bis zwölf aus allen sozialen Schichten. Entstanden ist das KinderKunstLabor, ein Kulturbau der besonders kindernahen Art.

Tragendes und figuratives Element in der Mitte des Gebäudes: der Betonbaum mit seinen sechs Ästen.
Tragendes und figuratives Element in der Mitte des Gebäudes: der Betonbaum mit seinen sechs Ästen.

Zurecht hat St. Pölten für das KinderKunst-Labor, ein viergeschossiger Holzbau, der zwischen Altstadt und Kulturbezirk eine neue Landmarke setzt, den Bauherr:innenpreis 2024 erhalten. Aber alleine hätten die Erwachsenen das nicht hinbekommen. Ein Kinderbeirat aus Kindergarten- und Schulgruppen hat den Architekten mit seinen Vorstellungen von Architektur unter die Arme gegriffen. Entstanden ist dabei nicht etwa eine Villa Kunterbunt, sondern ein angenehm ruhiger Bau. In den künstlerischen Erfahrungsräumen, die spielerisch miteinander verknüpft sind, können sich Erwachsene schon mal verlaufen. Nicht so die Kinder, die sich hier sofort zu Hause fühlen.

Die Bäume des Altoonaparks schaffen ein besonderes Raumgefühl im Inneren.
Die Bäume des Altoonaparks schaffen ein besonderes Raumgefühl im Inneren.
Kein kunterbunter Spielpalast, sondern ruhige, künstlerische Erfahrungsräume mit spielerischen Elementen.
Kein kunterbunter Spielpalast, sondern ruhige, künstlerische Erfahrungsräume mit spielerischen Elementen.

Ein physisches Experiment

Die Architekten des Wiener Architekturbüros Schenker Salvi Weber verfolgten in der Zusammenarbeit mit dem Kinderbeirat einen kompromisslosen Entwurfsansatz. Sie arbeiteten ausschliesslich im physischen Modell – ein Vorgehen, das die gesamte Ästhetik des Baus prägt. Eine hinterlüftete Holzlamellen-Fassade verleiht dem Baukörper, der an einen überdimensionalen dreieckigen Spielbaustein erinnert, eine wunderbare Leichtigkeit und Offenheit. Sie gewährt von aussen Einblicke entlang der multifunktionalen Helixtreppe und sorgt im Inneren für anregende Licht- und Schattenspiele.

Betonbaum als Holzträger

In der Mitte des Gebäudes trägt eine baumähnliche Betonstütze mit sechs Ästen und drei massiven Betonscheiben die ganze Holzkonstruktion. Sie referenziert formal die umstehenden Bäume des Altoonaparks. Die Helixtreppe, die man als zentralen Erfahrungsraum bezeichnen kann, dient zum Basteln, Werken, Ausstellen und vielleicht auch zum Herumtoben. In einem der beliebtesten Räume hängt von der Decke eine textile Netzlandschaft der japanischen Künstlerin Toshiko Horiuchi. Und dieses Kunstwerk lädt nicht nur zum Betrachten, sondern auch zum Klettern ein.

Bauherrschaft Landeshauptstadt St. Pölten
ArchitekturSchenker Salvi Weber Architekten ZT GmbH
HolzbauHubert Wutzl GmbH
TragwerksplanungWerner Sobek AG
Baujahre2021–2024
KonstruktionHolzhybridgebäude
AuszeichnungenBest Architects Award 2026
Design Educates Awards 2025 – Bronze Prize
Staatspreis für Architektur 2025 – Nominierung
Mies van der Rohe Award – Nominierung
austria-architects – Bau des Jahres 2024
ZV – Bauherr:innenpreis 2024 – 1. Preis

Über den Autor

Markus Gabriel ist Inhaber und Creative Director bei der Agentur Angelink. Er schreibt seit Jahren Texte für das Renggli-Kundenmagazin «Faktor Raum».

Fotos: Patrick Johannsen Fotografie, Wien