«Da man nun wirklich nicht alles machen kann, wenn man in eine bestimmte Richtung hineinwirken will, also eine Richtkraft herausarbeiten will, dann kann man nicht alles machen, sondern muss sich auf ganz bestimmte Methodiken beschränken.» Joseph Beuys im Interview mit Hermann Schreiber, BW-Rundfunk, 1980
Mit dieser Aussage formulierte der Künstler nicht nur eine Haltung zur schöpferischen Kreativität, sondern auch einen gesellschaftlichen Anspruch: Jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich, gestaltend zu wirken. Dieses Denken führte zur Entstehung der «7000 Eichen» in Kassel – einer sozialen Plastik, die Stadtbild, Klima und kollektives Denken veränderte. Ein Dialog zwischen Stein und Holz, Symbole für Beständigkeit und Wachstum.
Auch Investoren stehen heute vor einer Weichenstellung, die weit über das Materielle hinausgeht: Bauen sie weiterhin «konventionell » – also mineralisch –, wagen sie sich an den Holzbau oder entscheiden sie sich für eine hybride Zwischenform?
Holz ist längst mehr als ein ideologisches Statement. Der nachwachsende Rohstoff hat sich wirtschaftlich etabliert. Wir begegnen Investoren mit belastbaren Argumenten zur Wirtschaftlichkeit: Betrachtet man Bau- und Lebenszykluskosten, ist der Holzbau – insbesondere im Wohnungsbau des unteren und mittleren Preissegments – heute klar wettbewerbsfähig. Im Büro- und Verwaltungsbau zeigt sich sogar ein Effizienzvorsprung: Vorfertigung, Planbarkeit und Geschwindigkeit machen den Unterschied. Grosse Spannweiten und durchdachte Systeme führen zu messbaren Skaleneffekten. Der Holzbau ist nicht länger «alternativ», sondern zunehmend der Massstab. Das bisher Konventionelle muss neu gedacht werden.
Konventionelles Bauen bedeutet in der Regel: geschalt, gespriesst, gegossen – Beton, Zement, Mörtel. Ein erprobtes System, das im grossmassstäblichen Wohnbau nach wie vor dominiert. Durch zementreduzierte Rezepturen, etwa mit Flugasche als Zuschlag, verbessert sich dessen Ökobilanz und werden auch ambitionierte Labels wie der SNBS erfüllt.
Doch auch wenn wir als Planer den Holzbau als bevorzugte Lösung sehen, ist es realistisch, dass in gewissen Projektszenarien mit Beton geplant werden muss. In solchen Fällen gilt es, auch im mineralischen Bauen suffiziente Lösungen zu fördern. Dabei zeigen sich Herausforderungen im Vergleich zu EU-Normen: Während in vielen Nachbarländern schlankere Geschossdecken – etwa 18 cm – als Standard gelten, sind in der Schweiz 20 cm oft noch die Regel. Häufig wirken restriktivere Brandschutzanforderungen limitierend. Wenn schon Beton, dann sollte dieser auch nach höchsten Effizienzprinzipien geplant sein. Die ältesten behaglichen Siedlungsformen der Menschheit waren aus Holz. Der Holzbau ist kein temporärer Trend, sondern Ausdruck einer tief verankerten Baukultur. Verglichen mit seinem mineralischen Pendant ist Holz deutlich leichter – mit bis zu 30 % geringerer Baugrundbelastung. Was das eine als «Schwere» formuliert, lebt das andere als «Leichtigkeit».
Früher weitverbreitete Vorurteile gegenüber dem Holzbau – insbesondere bezüglich Akustik, Brandschutz oder Baugeschwindigkeit – sind längst überholt. Der Aufbau ist heute mit konventionellen Plattenbauweisen vergleichbar. Hybride Systeme vereinen das Know-how von Zimmerleuten, Akkordmaurern und Eisenlegern und bringen die Stärken beider Welten zusammen. Natürlich gibt es weiterhin technische Grenzen, etwa bei grossmassstäblichen Strukturen. Aber auch diese verschieben sich rasant bei einem zunehmenden Markt. Vor allem die zeitlichen Vorteile durch Vorfertigung und Beschleunigung der Bauprozesse werden in der Praxis
oft noch unterschätzt.
Ein bewusst geplanter Holzbau ist nicht das blosse Pendant zum Beton – er ist eine konstruierte Haltung. Eine Methodik, die ökologische, wirtschaftliche und soziale Prinzipien verbindet. Oder wie Joseph Beuys es sagte: «Nicht Aufbau, nicht Abbau, sondern beides gleichzeitig in Abhängigkeit.»
Fotos: D&R. Dürr