Wenn eine Gemeinde mit über 25 000 Einwohnern gleich um 15 Prozent wachsen will, gibt es einiges zu bauen. Und wenn der politische Wille vorbildlich genug ist, entsteht ein Quartier wie «Les Vergers» in Meyrin, ein konsequentes Ökoquartier für 3000 Einwohner, verteilt auf über 30 Gebäude. Zwei davon, so sehen es deren Schöpfer, sind eigentlich gar keine Gebäude. Sie nennen es «Raum zur Schaffung von Verbindungen, Begegnungen und Interaktionen zwischen seinen Nutzern».

Lage der zwei Längsbauten in Holz-Stahl-Hybrid-Bauweise im Öko-Quartier «Les Vergers» bei Genf
Lage der zwei Längsbauten in Holz-Stahl-Hybrid-Bauweise im Öko-Quartier «Les Vergers» bei Genf

Les Vergers gilt als eines der grössten und innovativsten Wohnprojekte der Schweiz. Das Vorzeigequartier deckt nicht nur seinen eigenen Energiebedarf autark. Auch in Sachen sozialer Nachhaltigkeit leuchtet es anderen Projekten den Weg. Auf den heiligen drei Säulen ragen die beiden neunstöckigen Längsbauten des Büros labac mit total 188 Wohnungen, mehr als zehn Gemeinschaftsräumen und Ateliers besonders heraus. Gemeint sind die Säulen der Nachhaltigkeit: soziale Solidarität, ökologische Verantwortung und wirtschaftliche Effizienz. Schon mit dem Konstruktionsprinzip fängt es an.

Théo Bellmann, Architekt, labac, architectures et espaces chantiers (rechts im Bild)
Bereits in der Wettbewerbsphase haben wir das Skelett aus Beton und die Fassade aus Holz geplant. Théo Bellmann, Architekt, labac, architectures et espaces chantiers (rechts im Bild)

Obwohl im ausgeschriebenen Wettbewerb eigentlich Massivbauten gewünscht waren, konnte man auf den Skizzen des Büros labac schon in der Wettbewerbsphase ein Skelett aus Beton und eine Fassade aus Holz ausmachen. Die Idee des hybriden Bauens – überzeugend vorgetragen – fiel bei den Verantwortungsträgern der beiden Baugenossenschaften CODHA und Voisinage auf guten, ökologischen Grund.

Wie die soziale Säule zu gestalten war, das entwickelte sich nicht nur in den Köpfen der Architekten. Auch das Pflichtenheft, mitverfasst von den künftigen Bewohnern, verlangte nach besonderen kommunalen Lösungen. So nahmen «überdimensionierte Gemeinschaftsräume mit bioklimatischer Funktion» Gestalt an: von der Kletterwand über das Gewächshaus, die Herberge, den Musiksaal, die Gewerbeateliers bis hin zum partizipativ organisierten Supermarkt und zu weiteren Gemeinschaftsräumen. Sogar Cluster-Wohnungen mit sechs Wohneinheiten wurden wunschgemäss realisiert.

Montage des Attikageschosses mit zukünftigen Mietenden
Orte und Verbindungen: Beim Projekt «des lieux et des liens» treffen sich Bauleute, zukünftige Bewohner und das ganze Quartier. Hier bei der Aufrichte des Attikageschosses im Holzystembau.
Frontale Ansicht der Längsfront des roten Gebäudes
Seitenansicht des roten Längsbaus, rechts davon der weisse.
Frontale Ansicht der Längsfront des weissen Gebäudes
Die Gemeinschaft steht auch beim Garten im Vordergrund - sei es beim Gärtnern oder Zusammensein.

Der zweistufige Wettbewerb war anspruchsvoll und wurde von Berufskollegen sogar als unmöglich bezeichnet. Doch die Teilnahme war für das Büro labac eine Herzensangelegenheit. Nachdem es ähnliche Konzepte schon für ein anderes Projekt entwickelt hatte, wollte man diesen unmöglichen Wettbewerb einfach gewinnen. Das Thema Holz ins Spiel zu bringen, erwies sich als hilfreich. Ein Besuch der beiden Baugenossenschaften im Renggli-Werk war während der Projektentwicklung für die Entscheidungsträger und die mitgereiste Delegation künftiger Bewohner weichenstellend. Diese waren, wie erwähnt, im gesamten Bauprozess stark involviert und engagiert.

Das genossenschaftliche Interesse war in der Tat so gross, dass die Architekten vor Ort sogleich einen «espace chantier» einrichten liessen: ein Pionierkonzept des Büros labac mit einer Baustelleninstallation und einer Mischung aus Infocenter, Konzertareal, Znüniplatz und Gemeinschaftsgarten. Kollektive Räume zu schaffen und um diese herum Wohnungen zu gruppieren, war denn auch eine Leitidee für das gesamte Projekt.

Gruppenbild der Projektbeteiligten und Genossenschaftsmitgliedern
Genossenschaftliches Bauen: Die Kunst, viele Stimmen und viele Ideen unter ein Dach zu bringen.
Einblick in eine 14-Zimmer-Wohnung mit offener Küche und Wohnraum, abtrennbar mit einer breiten Schiebetüre.
Einblick in eine 14-Zimmer-Wohnung.
Variabel nutzbarer Gemeinschaftsraum mit hoher Decke
Wie die 15 Gemeinschaftsräume genutzt werden, bestimmen die Mietenden.
Mietende in ihrem modern eingerichteten Wohnzimmer mit Sicht auf den Balkon und den Jura.

Ein echter Knackpunkt war die Finanzierung. Nachdem die Säulen «soziale Solidarität» und «ökologische Verantwortung» konzeptionell vorbildlich abgedeckt waren, musste ja auch die «wirtschaftliche Effizienz» gewährleistet sein. Doch wer mit der geringen grauen Energie, der hohen Fertigungsqualität, der Schnelligkeit im Aufbau und der Dauerhaftigkeit von Holz rechnet, kommt auch bei dieser Säule auf ein erbauliches Resultat. Nun darf man positiv darauf gespannt sein, wie sich dieses «Vertical Village» mit Leben füllt.

Details zum Bauprojekt

BauherrschaftGenossenschaften CODHA und Voisinage
Architekturlabac, architetures et espaces chantiers
Engineering im Bereich Statik und HolzbauRenggli AG
BaustandardMinergie-A-P-Eco
Baujahre2017 - 2020
Nutzung188 Wohnungen (2- bis 14-Zimmer-Wohnungen)
15 Gemeinschaftsräume
6 Gemeinschaftsterrassen
1 Herberge
1 Musiksaal
15 Gewerbeateliers
1 partizipativ organisierter Supermarkt
Konstruktion UG, Treppenhaus,
Luftschutzraum sowie Deckengeschosse
Stahlbeton
Gebäudehülle (Konstruktion
Aussenwände und Attikageschoss)
Holzsystembau
FassadeFaserzementplatten Eternit Linearis

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Über den Autor

Porträtfoto Texter Markus Gabriel
Markus Gabriel

Markus Gabriel ist Inhaber und Creative Director bei der Agentur Angelink. Er schreibt seit Jahren Texte für das Renggli-Kundenmagazin «Faktor Raum» und den Fachblog.

Fotos: Julie Masson

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«Die heiligen Säulen»

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