Elektrischer Herd oder Induktionsherd? Raffstore oder Rolladen? Dieselbe Frage lässt sich bei der Bauweise stellen. Es gibt immer einen Grund für das eine oder andere. Als gelernter Baumeister und Holzbauer sehe ich je nach Situation bei beiden Vorteile, welche ich nun möglichst neutral darstelle.

Vorfertigungsgrad

Der Vorfertigungsgrad im Holzbau ist wesentlich höher. Somit sind die Baustellenarbeiten weniger witterungsabhängig und ein grösserer Anteil der Fabrikation erfolgt unter optimalen Arbeitsbedingungen in der Werkhalle. Die grössere Fertigungstiefe benötigt jedoch einen höheren Planungsaufwand und somit einen längeren Planungsvorlauf.

Laufends Bauprojekt. Linker, abgerüsteter Teil in Holzbauweise, rechts, noch eingerüstet, der Massivbau.
Gut ersichtlich der Arbeitsfortschritt: Das Untergeschoss und Erdgeschoss wurde gleichzeitig erstellt, Ober- und Dachgeschoss in Holzbauweise (links) bzw. Massivbauweise (rechts). Während links die äusseren Arbeiten seit Wochen fertiggestellt sind und abgerüstet ist, laufen rechts die Fassadenarbeiten auf Hochtouren. Die Hausübergabe des linken Hausteils erfolgte im März 2018, des rechten Seite rund 3 Monate später.
Fertiges Bauprojekt. Linker Teil in Holzbauweise, rechts der Massivbau.
Dem fertigen Bauprojekt sieht man die unterschiedliche Bauweise nicht an: Links Holzbauweise, rechts Massivbau.

Holz und Feuchtigkeit

Dauernde Nässe ist schlecht für Holz. Wird das Holz konstruktiv so verbaut, dass es abtrocknen kann, dann ist es kein Problem. Es ist also entscheidend, wie die Details ausgeführt werden. Dies gilt insbesondere für Sockel, Fensteranschlüsse, Dachanschlüsse, wie auch für Innendetails wie Dusche etc. also überall wo Wasser oder starke Feuchtigkeit auftreten kann.

Massivbau und Feuchtigkeit

Bedingt durch die längere Bauzeit, Wind und Wetter, Beton, Mörtel, Grundputz, welche allesamt mit viel Wasserzugabe verarbeitet werden, ist die Grundfeuchtigkeit in einem Massiv-Neubau um einiges höher. Dies zeigt sich dann beim verzögerten Arbeitsfortschritt, da Böden, Wände und Decken eine längere Austrocknungszeit benötigen, bis schadenfrei der nächste Arbeitsgang ausgeführt werden kann.

Wandstärke und Wohnfläche

Beim Holzbau wird oft die Dämmebene in die Tragstruktur integriert, beim Massivbau erfolgt ein getrennter Aufbau. Dies hat zur Folge, dass bei gleicher Dämmstärke eine schlankere Aussenwand im Holzbau möglich ist. Das ermöglicht grössere Wohnflächen bei gleichen Aussenmassen.

Deckenstärke und Gebäudehöhen

Beim Holz wird normalerweise die Tragebene von der Installationsebene getrennt. Bei Betondecken hingegen werden die Installationen üblicherweise integriert. Das erlaubt oft schlankere Decken in Massivbauweise. Gerade bei begrenzten Gebäudehöhen kann dies der entscheidende Vorteil sein, da die gewünschte Raumhöhe nicht reduziert werden muss.

Schall- und Brandschutz

Entgegen der landläufigen Meinung gibt es beim Schall- und Brandschutz keine Unterschiede, egal ob Holzbau oder Massivbauweise. Ein Gebäude muss die gültigen Brandschutzvorschriften erfüllen, je nach Nutzung und Gebäudehöhe. Egal wie es gebaut ist. Dasselbe gilt bezüglich Schallschutzmassnahmen. Im Wohnungsbau haben sich die erhöhten Schallschutzwerte der SIA durchgesetzt. Mit beiden Bauweisen können diese erreicht werden.

Holz und Nachhaltigkeit

Holz ist ein bei uns nachwachsender Rohstoff. Holz bindet zudem CO2 und entzieht es der Luft auf Jahrzehnte. Die Rohstoffe für die Massivbauweise hingegen sind endlich. Zement, Stahl und Backsteine werden bei hohen Temperaturen gefertigt. Die Oekobilanz der Holzbauweise ist erwiesenermassen besser als jene der Massivbauweise.

Was ist teurer: Ein Holzbau oder ein Massivbau?

Hier stellt sich zuerst die Frage, was in die Kosten eingerechnet wird. Laut einer Studie der ETH fallen während des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes 75% der Kosten für Betrieb und Unterhalt an, lediglich 25% für die Ersterstellung. Es ist also entscheidend, wie gebaut wird. Und nicht mit welcher Bauweise. Wenn wir dennoch nur die Neubaukosten betrachten, ist wichtig, dass gleiche Systeme miteinander verglichen werden. Es dürfen also nicht eine hinterlüftete Fassade mit einer Kompaktfassade, Holzmetallfenster mit Kunststofffenster oder Minergie mit MuKEn verglichen werden. Bei vergleichbaren Aufbauten ergeben sich dann aber beim Holzbau tatsächlich Mehrkosten von ca. 2 – 4 % gegenüber einem Massivbau. Allerdings: Durch die kürzere Bauzeit können Wohnungen schneller vermietet werden. Das Reduziert die Kosten zwar nicht – aber der Ertrag setzt früher ein!

Ich hoffe, mit diesen Aussagen etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Doch am Ende ist es Ihre persönliche Wertung, ob Sie sich für einen Holzbau oder Massivbau entscheiden.

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Über den Autor

Guido Estermann hat über 10 Jahre in unterschiedlichen Bereichen bei der Renggli AG gearbeitet. Davor war er Baumeister. Seit 2018 arbeitet Guido Estermann für die Luzerner Kantonalbank als Fachspezialist Immobilien.

Porträtfoto Guido Estermann
Kommentare zu
«Holzbau versus Massivbau: ein Baumeister und Holzbauer über Vorteile und Nachteile»

Kommentare (1)

    09.04.2019

    Peter Sandri

    Hoi Guido
    Du hast da einen sehr guten Artikel verfasst! Dürften wir den allenfalls auf unserer eigenen Homepage verwenden? Wir würden etwas umstellen, umformulieren, ergänzen etc. damit keine Doppelspurigkeit entsteht und selbstverständlich dich als Quelle nennen. Vielen dank für deine Rückmeldung.
    Freundliche Grüsse
    Peter Sandri

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